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Steckbrief Kerstin J.:

  • wohnt im Wedding
  • ist 28 Jahre alt
  • ist Koordinatorin für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe
  • engagiert sich neben der FrAg auch in der Stadtteilvertretung „mensch.müller“

Wir, Kerstin J. und Kerstin S., haben kurz vor Weihnachten die Seiten getauscht und uns zum Gespräch über unser ehrenamtliches Engagement in der FreiwilligenAgentur Wedding getroffen.

Kerstin ist vor einigen Jahren für das Master-Studium des Non-Profit-Managements, einer Mischung aus BWL, Sozialrecht und sozialer Arbeit, aus dem schönen Kempten im Allgäu in den Wedding gezogen und lebt seitdem glücklich in einem bunten, interessanten, aber auch teilweise „kaputten“ Stadtteil, wie sie sagt.

Bei Kerstin war es das wissenschaftliche Interesse, und nicht wie üblich der Wunsch nach einem Ehrenamt, das sie vor etwa zwei Jahren zur FreiwilligenAgentur Wedding brachte. Sie wollte Praxiserfahrung sammeln und ihre theoretischen Kenntnisse aus dem Studium erweitern. Und sie wollte ihre Masterarbeit dazu schreiben, wie sich Einrichtungen wie die Freiwilligenagenturen, oder wie sie es nennt, „Koordinierungsstellen für bürgerschaftliches Engagement“, auf den Stadtteil auswirken. Bei der Internet-Recherche stellte sie beglückt fest, dass es auch in ihrem eigenen Stadtteileine solche Einrichtung gibt. Daher schrieb sie eine Bewerbung an die FrAg Wedding. In einem persönlichen Gespräch mit der Leiterin Anna stellte sich zwar schnell raus, dass die FrAg mit ihrer einzigen hauptamtlichen Mitarbeiterin zu klein für die Betreuung ihrer Forschungsarbeit war, aber dafür Bedarf an Verstärkung bestand. Die Masterarbeit hat Kerstin also woanders geschrieben, seither verstärkt sie aber tatkräftig das Team um Anna als zweiteehrenamtliche Mitarbeiterin.

Ehrenamt für das Ehrenamt

Das Hauptgeschäft der ehrenamtlichen wie auch der hauptamtlichen Arbeit in der FreiwilligenAgentur ist die Beratung von Ehrenamtsinteressierten während der Sprechstunden, in der Regel zusammen mit Anna oder ab und an als ihre Vertretung. Daneben fallen organisatorische Aufgaben an, wie das Schreiben von Tätigkeitsberichten oder Recherchen zu möglichen Finanzierungquellen, sowie das breite Feld der Öffentlichkeitsarbeit. Wesentlich ist auch, die Datenbank aktuell zu halten, das heißt zu überprüfen, ob die aufgeführten Einrichtungen noch Bedarf an Freiwilligen haben, oder ob sich vielleicht Ansprechpersonen oder Standorte geändert haben. Zudem gilt es die Datenbank immer noch zu erweitern. Es gibt also einiges zu tun, und bis ihre neue Arbeitsstelle es zuletzt zeitlich unmöglich machte, war Kerstin jeden Dienstagabend in der FreiwilligenAgentur zu finden.

Was ist das Besondere an dieser Arbeit?

…frage ich sie. Sie habe schon viel gelernt über die Koordinierungsarbeit, die sie auch beruflich schwerpunktmäßig interessiert, „nicht stur einen Leitfaden verfolgen, sondern auf das horchen, was der Mensch einem gegenüber erzählt und was er möchte. Den Wunsch, sich zu engagieren, nochmal verstärken, dazu verhelfen, dass daraus auch Taten folgen.“ Die Beratung mache ihr daher besonders Spaß, da es gerade darum gehe, im Gespräch Hemmnisse auszuräumen und Perspektiven aufzuzeigen. „Die Freiwilligen glauben oft, dass man zum Beispiel den Kindern gleich ein Instrument beibringen können muss“, Unterstützung und Mitgefühl spielten aber oft eine größere Rolle „als gut in Mathe zu sein oder ein Instrument perfekt zubeherrschen.“ „Es kommt auf die persönlich Beziehung im Engagement an“, das in der Beratung bewusst zu thematisieren, habe Sie sich vor allem von Anna gelernt. Auch die offene und partnerschaftliche Arbeitsatmosphäre in der FrAg gefalle ihr gut, „Anna begegnet einem auf Augenhöhe, man kann gut mit ihr zusammenarbeiten und die Arbeit bietet viele Freiräume für eigene Ideen.“

Potenzial Ehrenamt?

Das Ehrenamt wird in der Öffentlichkeit auch immer wieder kritisch diskutiert, etwa inwieweit es die Aushöhlung des Sozialstaats unterstütze. Ich frage sie, ob sie die Kritik nachvollziehen kann. Sie sehe das zwiespältig: „Ich sehe die Tendenz, dass sich der Staat aufgrund von finanziellem Mangel an vielen Stellen rauszieht, wo es aber originäre Aufgabe des Staats wäre, zumindest das Geld bereitzustellen.“ Das befördere allerdings auch die Entstehung von kreativen Lösungen in der Zivilgesellschaft. „Wenn alles perfekt wäre, der Staat alles regeln würde, würden die Bürger vielleicht gar nicht erst auf die Idee kommen, etwas in ihrem Kiez verändern oder verbessern zu wollen.“ Das wäre bedauerlich, da die Leute oft selbst viel besser als der Staat wüssten, wo Probleme und Bedarfe bestehen und wie dem beizukommen sei. Letztlich sieht sie in der Freiwilligenarbeit und damit auch in ihrer Vermittlung etwas Positives: „Insgesamt denke ich, es gibt kreatives Potenzial im bürgerschaftlichen Engagement, denn es werden gesellschaftliche Ressourcen durch die Partizipation vielfältiger Akteure aktiviert. Da machen die Freiwilligenagenturen einen guten Job.“

 

von Kerstin Stark
Veröffentlicht 02/2015